Das Ruhrgebiet ist nicht tot, aber schwer krank. Die demographische Entwicklung und die wirtschaftliche Orientierungslosigkeit nach dem Ende des Kohlezeitalters machen der „Metropole Ruhr“ schwer zu schaffen. Wirft man einen Blick auf die Bevölkerungsentwicklung deutscher Großstädte, ist deutlich zu erkennen, dass das Ruhrgebiet auf der Verliererseite steht und diese sogar anführt. 31 der 80 Großstädte in der Bundesrepublik erleben gerade einen Rückgang ihrer Einwohnerzahlen. Zwölf dieser Städte befinden sich im Ruhrgebiet (Dortmund, Essen, Duisburg, Bochum, Gelsenkirchen, Oberhausen, Hagen, Hamm, Mülheim, Herne, Recklinghausen und Bottrop), weitere sechs in dessen unmittelbarer Nähe (Wuppertal, Mönchengladbach, Krefeld, Solingen, Remscheid und Moers).
Das ist kein Wunder. Die Gesamtbevölkerung schrumpft und diese Entwicklung „zerstört“ nicht nur ländliche Regionen mit ihren Klein(st)städten und Gemeinden, sondern ist auch für solche Städte ein Problem, die nach einem großen Boom die Zeichen der Zeit verpasst haben. Dies trifft das Ruhrgebiet natürlich besonders hart. Denn hier ist nicht nur eine einzelne Stadt betroffen, sondern eine ganze Region mit knapp über fünf Millionen Einwohnern. Das Kulturhauptstadtjahr gaukelte zwar eine heile Welt vor, doch bis auf wenige echte Erfolge wie das Still-Leben war nichts zu spüren von Aufbruchstimmung und dem Streben nach einer „Metropole Ruhr“.
Vielleicht ist dieses Bestreben auch bereits gestorben, bevor es wirklich begonnen hat. Die einzelnen Städte begeben sich so oft wie möglich in den direkten Konkurrenzkampf. Hat Essen ein neues Einkaufszentrum, benötigt natürlich auch Dortmund als „größte Stadt im Pott“ eins. Und Bochum? Hier hat man Angst, Kaufkraft in beide Richtungen zu verlieren. Also muss auch ein weiteres Innenstadt-Einkaufszentrum her. Und das „größte Einkaufszentrum Deutschlands auf der grünen Wiese“ vor den Toren Bochums? Muss natürlich ausgebaut werden. Die Geschichte lässt sich ähnlich über Duisburg, Oberhausen, Witten oder Recklinghausen erzählen. Diese Konkurrenz wäre ja nicht dramatisch, wenn sie dazu führen würde, die einzelnen Städte und damit auch das ganze Ruhrgebiet attraktiver zu machen. Stattdessen werden jedoch kurzfristige Vorteile gesucht, die für die langfristige Stadtplanung eine Katastrophe darstellen.
Bleiben wir beim Beispiel Einkaufszentrum. Denn es ist so schön simpel. Diese Konsumtempel sind profitabel. Der Anteil am Gesamtumsatz des Einzelhandels, der in solchen Zentren erwirtschaftet wird, wächst und wächst. Das freut besonders die wenigen Betreiberunternehmen sowie die großen Ketten. Schließlich fehlen H&M, McDonalds, NewYorker, Kamps oder auch Saturn/MediaMarkt in kaum einem EKZ. Während sie in der Innenstadt und den Vorortzentren der Konkurrenz lokaler Unternehmen ausgesetzt sind, fehlen diese in den großen Zentren fast gänzlich. Ein leichtes Spiel also. Die Innenstädte und Vororte dagegen verwahrlosen und gleichen sich einander mehr und mehr an. Städtische Eigenheiten weichen dem Einheitsmüll von kik und Tedi. Die Stadt als öffentlicher und sozialer Raum wird mehr und mehr Geschichte.
Doch diese Entwicklung ist keine Eigenart des Ruhrgebiets. Zwar nahm sie hier mit Vorreitern wie dem Ruhrpark und dem CentrO ihren Anfang, aber andere Städte und Regionen erleben ähnliche Phänomene oder stehen kurz davor. Die städteplanerische Blindheit und Egozentrik im Ruhrgebiet ist allgegenwärtig. Trotz enormen Leerstand an Büroflächen wird weiter fleißig an neuen Prestigenflächen gearbeitet. Beispiel Exzenterhaus Bochum. Der architektonisch fraglos schicke Hochhausbau an der Universitätsstraße ist vollkommen unnötig. Trotzdem werden sich zahlungskräftige Mieter finden. Denn aufstrebende Unternehmen brauchen einen repräsentativen Firmensitz. Da ist ein schickes Hochaus in der Innenstadt natürlich weitaus attraktiver als der Altbau in Gerthe. Dass diese Leuchtturmprojekte den Leerstand noch verschärfen und letztlich ganze Ortsteile kaputtmachen können, wird gern ignoriert. Schließlich will man sich mit einer solch „modernen“ Städteplanung wieder auf die Siegerstraße katapultieren. Verlieren können die anderen. Duisburg zum Beispiel, oder Herne. Aber Bochum? Niemals.
Ähnlich sieht es aus bei der Planung des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV). Natürlich will man gut angebunden sein. Aber auch nicht zu gut. Schließlich sollen die Recklinghäuser ihr Geld auch brav in Recklinghausen ausgeben. Kommt man zu schnell nach Bochum oder Essen, ist das gefährlich. Also besser Widerspruch einlegen.
Doch sehen wir dieses provinzielle Denken doch mal als Chance. Das Ruhrgebiet ist keine Ruhrstadt und erst recht nicht die „Metropole Ruhr“. Hier ist es ruhiger als in Berlin und wer es nicht weiß, wird in der Herner Innenstadt sicher nicht darauf kommen, gerade mitten in einem der größten Ballungsräume Europas zu sein. Auch das hat seinen Charme. Vielleicht gilt für das Ruhrgebiet, was scherzhaft immer Düsseldorf zugeschrieben wird: Das größte Dorf Deutschlands zu sein. Die zum Teil miserable Verkehrssituation zwingt die Menschen dazu, vor der Haustür kreativ zu sein. So bietet zum Beispiel Bochum für seine gerade mal noch 367.000 Einwohner ein relativ breites kulturelles Angebot. Zwar nicht wegen, aber trotz „Ruhr.2010″. Doch wer die Schnauze voll hat, kann auch in die Nachbarstädte ausweichen und erlebt zum Teil gänzlich andere Mentalitäten und Eigenarten. Dortmund ist nicht Bochum. Und das ist toll! Ob das im Zuge vereinheitlichter Einkaufszentren, Kinos, Supermärkte und Diskotheken so bleiben wird, ist unklar. Aber hört doch einfach mit diesem Metropolenscheiß auf. Wer eine Metropole will, der geht nach Berlin, Paris oder New York. Wer den Ruhrpott will, der bleibt halt hier. Oder kommt her. Wenn nicht, dann nicht. Das Ruhrgebiet war eine Boom-Region, weil es war, wie es eben war. Es wird nicht plötzlich wieder eine Boom-Region, weil es anfängt, Berlin zu kopieren.
Eine schrullige alte Dame mit Rollator wird auch durch OPs und Kosmetik nicht mehr zur Schönheitskönigin, die man gerne vorzeigt. Verdammt cool ist die alte Dame Ruhrgebiet trotzdem. Ewig leben wird sie zwar nicht mehr. Aber wer will auch schon ewig leben?